Wolfgang Fräger
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Wolfgang Fräger

1923 als Sohn eines Bergmanns in Bergkamen geboren, lebte Wolfgang Fräger seit 1947 bis zu seinem Tod 1983 in Bönen.
17-jährig begann er die Ausbildung zum Grafiker und schloss 1949 sein Studium ab, durch Wehrdienst und Kriegsgefangenschaft unterbrochen.
Bedingt durch die Kulturpolitik der Nationalsozialisten, gehörte Wolfgang Fräger zu einer Künstlergeneration, die vor und teils auch während der Ausbildung niemals bewußt ein zeitgenössisches Bild gesehen hatte und auch keine Werke der vorangegangenen Generation.
In Deutschland trafen nach Ende des 2. Weltkriegs die Werke der Klassischen Moderne, des Expressionismus und der zeitgenössischen abstrakten Strömungen auf eine Künstlergeneration, die an der Kunstentwicklung der vergangenen Jahrzehnte selbst nicht beteiligt gewesen war. So entstand in Deutschland nach 1945 keine einheitliche Kunstentwicklung und der Expressionismus erlebte noch eine späte Phase. Obwohl rein abstrakte Richtungen - wie das Informell - den Kunstmarkt beherrschten, verlor der Gegenstandsbezug an sich - weder bei den Künstlern noch in der Kunstkritik - seine Berechtigung.
Auch Wolfgang Fräger fand seine Wurzeln im Expressionismus, der ihn zu Beginn der 50er Jahre überzeugende Lösungen finden ließ. Seine weitere künstlerische Entwicklung führte ihn bis zum Ende des Jahrzehnts von der expressiven Ausdrucksweise, über eine Beschäftigung mit der Klassischen Moderne, zu einer eigenen Formensprache. Unter hauptsächlicher Verwendung des Holzschnitts und der Radierung gelangte er zu einer symbolischen und abstrahierenden Darstellung, ohne den Gegenstandsbezug zu verlieren. Obwohl sein OEuvre unterschiedlichste stilistische Werke beinhaltet, behielt Wolfgang Fräger während aller Schaffensperioden eine Kunstauffassung, der jede künstlerische Entscheidung untergeordnet war: Seine Kunst blieb konsequent auf den Dialog ausgerichtet.
Die Grafik mit ihrem traditionellen Verständnis war für Wolfgang Fräger das ideale Ausdrucksmittel: Die überlieferte Funktion der Grafik, liegt in der Aufrüttlung, Mahnung und Ideenverbreitung. Sie ist vervielfältigbar und darum als Kunst für alle Interessenten erschwinglich. Außerdem hatte Wolfgang Fräger ein persönliches Interesse an den Möglichkeiten und Ausdrucksformen der Drucktechniken. Kunst sollte der Realitätsbewältigung, der Analyse und Kritik dienen und übernahm eine Mittlerfunktion zwischen Welt und Betrachter. Frägers Realitätsbegriff ging dabei weit über die optisch erfahrbare Wirklichkeit hinaus. Er versuchte, das Wesentliche der Dinge zu erfassen, wozu die Verfremdung, die Abstraktion und die subjektive Interpretation durch den Künstler notwendig war. Dem Betrachter sollte jedoch immer die Möglichkeit offen stehen, dieser Interpretation zu folgen.
[...]
Sein wichtigstes Sujet der frühen Jahre war sicherlich der Mensch in seinen unterschiedlichen und sich ständig verändernden Lebenswelten, wie der Arbeitswelt, den zwischenmenschlichen Beziehungen sowie die religiöse Thematik. Auch das Tier, zählte - als dem Menschen sehr eng verbundenes - Lebewesen in allen Schaffensperioden zu seinen Themen, wobei Wolfgang Fräger zu Beginn der 60er Jahre eine ganz eigene Gattung, das Insektenwesen erfand. Mit Witz und Erfindungsreichtum entwickelte er Fantasiegestalten, die wie lebendige Mutationen aus Gegenständen der Arbeitswelt und des täglichen Lebens erscheinen.
Frägers bevorzugte Technik der frühen Jahrzehnte war neben der Radierung der Holzschnitt. Hier entwickelte er ein kombiniertes Hoch- und Tiefdruckverfahren.
Nach seinem überzeugenden und international ausgestellten Holzschnitt-Zyklus Ars Sacra, - ein 90 Blätter umfassender Zyklus, der zwischen 1962 und 1966 zur Passion Christi und zur Johannes Offenbarung entstand - verabschiedete er sich anschließend für fast zwei Jahrzehnte von dieser Drucktechnik. Obwohl Fräger gerade den Holzschnitt so meisterlich beherrschte, suchte er bewußt nach neuen Wegen und legte sich für einige Jahre weder auf eine bestimmte Technik noch auf eine klar definierbare Stilistik fest. Er experimentierte mit unterschiedlichsten Materialien, bis hin zu grafischen Kurzfilmen.
Die künstlerische Entwicklung Frägers, schlug sich in all seinen Themen nieder. Und ebenso konnte eine veränderte Sicht auf einen Bildgegenstand eine Änderung der künstlerischen Ausdrucksweise forcieren. Ein Thema, das den Grafiker jahrzehntelang fesselte, war der Bergbau. Er selbst stammte aus einer Bergarbeiter Familie und war Ende der 50er Jahre monatelang eingefahren, um der Arbeitswelt der Bergleute nahe zu kommen. Während in den 50er Jahren noch der Arbeiter selbst in seinem Interesse stand, so richtete sich Frägers Blick im folgenden Jahrzehnt immer stärker auf die ständig weiter fortschreitende Mechanisierung der Arbeitsprozesse und auf die weithin sichtbaren Zeichen eines Industriezweiges, der wie kein anderer - mit Kühltürmen und Halden, mit Fördertürmen und riesigen Industrieanlagen - seine Heimatregion das Ruhrgebiet prägte. Entsprechend der geänderten und distanzierteren Sicht auf das Thema, wurde seine künstlerische Ausdrucksweise zusehends abstrakter und symbolischer. Die Auseinandersetzung mit dem Bergbau musste Fräger fast unweigerlich - nicht nur auf die Veränderungen, sondern auch auf die Schäden stoßen, die die Industrie in der Umwelt hinterließ. So trat von 1974 an die Umweltzerstörung in den Mittelpunkt seines Interesses.
Fräger ging davon aus, dass jedes Thema auch die entsprechende Technik erfordert. Im Laufe der Jahrzehnte benutzte er unterschiedlichste grafische Techniken wie den Holzschnitt, die Radierung, den Kupferstich, die Lithographie. Selbst den nicht eigenhändig fertiggestellten, sondern in Auftrag gegebenen Siebdruck schloss er nicht völlig aus. Für das Thema Umwelt entdeckte er eine im 20. Jahrhundert fast schon vergessene Technik neu: die Mezzotinto-Radierung - oder die Schabkunst.
Anders als die übrigen grafischen Techniken ermöglicht die Mezzotinto-Radierung eine weiche, malerische und sehr präzise Gestaltung.
[...]
Er entwickelte die Kompositionen jetzt nicht mehr durch die Linie und die Fläche, sondern durch eine Volumen und Bildtiefe beachtende Darstellung. Bei einer realistischen Ausdrucksweise nahm er fantastische und surreale Elemente in seine Grafiken auf, um auf die ganz reale Zerstörung der Umwelt hinzuweisen. Sehr wohl mit erhobenem Zeigefinger, aber auch mit viel Witz und Ironie wies er auf die Veränderungen und Zerstörungen in einer vom Konsum geprägten Wegwerfgesellschaft hin - und machte die geöffnete scharfkantige Blechdose zu ihrem Symbol.
In den letzten Lebensjahren Wolfgang Frägers änderte sich diese durchaus mahnende, aber doch auf eine eher leichte Art umgesetzte Sicht auf die gesellschaftlichen Entwicklungen. Neben den äußeren Lebensbedingungen, die immer bedrohlicher werden konnten, rückten der Mensch selbst sowie die Veränderungen seiner inneren Befindlichkeit in den Vordergrund. In vielen Arbeiten wies er in diesen Jahren auf eine kühler und einsamer werdende Welt hin, mit gestörten zwischenmenschlichen Beziehungen und fehlender Kommunikation.
Die zu Beginn der 80er Jahre immer ernster und härter werdende Sicht ließ ihn wieder vermehrt zeichnen und nach fast zwei Jahrzehnten noch einmal zum Holzschnitt greifen. Der Holzschnitt war für Fräger sicher die Technik, die mit gefühlsbetonten und auch dramatischen Inhalten verknüpft war.
[...]
Er verließ die weiche malerische Ausdrucksweise der Mezzotinti und suchte nochmals eine abstraktere und härtere Formensprache.
Mit dem Verzicht auf die Mezzotinto-Radierung verzichtete er gleichzeitig auf den Einsatz der Farbe. Er beschränkte sich in seinen letzten Lebensjahren weitgehend auf Schwarz und Weiß, durch deren Kontrast automatisch mehr Härte und Dynamik entstand. Doch wäre er bestimmt noch einmal zur Farbe zurückgekehrt. Und für seine damaligen wie heutigen Betrachter und Sammler wäre es sicherlich interessant zu beobachten gewesen, auf welche Art er diese Rückkehr vollzogen hätte.
1983 starb Wolfgang Fräger - mit nur 60 Jahren mitten in der Phase zu einer neuen Darstellungsweise.
[...]

Text: Claudia Landwehr, Kunsthistorikerin
Einführung zur Ausstellung "30 Grafiken aus 4 Jahrzehnten".




Wolfgang Fräger

Ausgang der künstlerischen Aktivität Wolfgang Frägers ist das Zeichnen gewesen, während der Lehre, während der Arbeit auf der Zeche, während des Krieges in Italien und Rußland, während der Kriegsgefangenschaft. Doch ist der Künstler mit diesem Medium bisher kaum vor die Öffentlichkeit getreten; viele Arbeiten wurden zerstört, sofern sie ohnehin nicht mehr als Fingerübungen waren. Doch hatten die früheren Zeichnereien den Weg zur Dortmunder Werkkunstschule geebnet und sogar ein Stipendium verursacht, das selbst nach dem Kriege 1947 noch Gültigkeit hatte.
Dort studierte Wolfgang Fräger nicht so sehr das Zeichnen, sondern die Druckgrafik. Der Umgang mit Bleistift, Kohle und Papier, so scheint es, war ihm zu einfach, darum wählte er die größere Schwierigkeit, die Druckgrafik. Sie gab ihm Druck zu arbeiten – an sich, an seinen Bildideen, an den verschiedenen Werkstoffen.
Nebenbei ist zu bemerken, dass Wolfgang Fräger einer Generation angehört, der das problemlose Vorhandensein von Material nicht selbstverständlich war; eine Generation, die wusste, wie kostbar Materialien zum Drucken sein konnten. [...]
Das grafische Werk von Wolfgang Fräger ist sehr vielgestaltig; der Künstler hat sich wohl in fast allen technischen Bereichen erprobt. So bietet sich in der Folge eine Darstellung an, die primär von diesen Techniken ausgeht, von denen Wolfgang Fräger auch am häufigsten spricht, aber dabei auch die Inhalte berücksichtigt, die der Künstler als Aussage-Beitrag in der jeweils aktuellen Diskussion verstanden wissen will.
Für jeden Fall gilt eine spezifische Arbeitsweise: Wolfgang Fräger schafft in Schüben und Phasen. Wenn ihn eine technische oder inhaltliche Aufgabe gepackt hat, dann ruht er nicht, bis der erste Druck vollzogen ist. Darauf folgen Varianten und Erweiterungen, doch seltener und mit Unbehagen eigentlich eine Auflage des abgeschlossenen grafischen Motivs. Bis 1952 hat Fräger keine Auflagen gedruckt, nur zwei, drei Blätter von der Holzplatte abgezogen: Hier gilt, dass die Multiplizierung des Gefundenen eine dumpfe Arbeit ist, die Wolfgang Fräger eigentlich nicht liegt.


Die frühen Holzschnitte

Noch während der [...] Studien- oder Studentenzeit hat sich der Künstler mit zwei Techniken beschäftigt, nebenbei mit der Lithografie, hauptsächlich mit dem Holzschnitt. [...]
1946 entsteht als einer der ersten grafischen Zyklen eine Holzschnittfolge zum Bauernkrieg, in lockerer Verwandtschaft dazu Szenen des menschlichen Elends. Natürlich verarbeitet Fräger damit auf eine indirekte, aber gehobene Weise seine Erlebnisse des Krieges und der Gefangenschaft;[...]
Es mag an der zeichnerischen Wurzel der Kunst Frägers gelegen haben, daß ihn beim Holzschnitt insbesondere die Linienführung nicht zufriedenstellte. Schon 1950 begann er mit der Untersuchung neuer technischer Möglichkeiten beim Holzschnitt, wobei er im Auge hatte, auch die Ausdrucksmittel zu erweitern.
So kam es zu der eigenartigen Umkehr des üblichen Holzschnittprozesses. Nun werden nicht mehr die Stege, die stehengebliebenen Partien eingefärbt, sondern die geschnittenen Gräben und Rillen. Nun konnte das aus dem Holz herausgeholt werden, was der Künstler eingezeichnet, eingeschnitten hatte.[...] Wolfgang Fräger hat diese Technik des Holztiefdruckes an einer Reihe von Kopf- und Tiermotiven erprobt.


Radierungen/Lithografien

Für jedes Thema die angemessene Technik - diesen Grundsatz hat Wolfgang Fräger wiederholt geäußert und sich natürlich natürlich auch daran gehalten. Für ihn ist die Radierung nicht die Technik des expressionistischen Aufschreis, die harten Blöcke und Konturen des Holzschnitts sind dafür besser geeignet, auch wenn der Künstler manchmal die erzählerischen Momente im Holzschnitt so detailliert und realistisch hervorbringt, daß man solche Arbeiten sich auch als Radierungen vorstellen könnte. [...]
Die ersten zusammenhängenden Blattfolgen in der Radierung setzen sich inhaltlich mit dem Bergmanns-Beruf auseinander. Die Dunkelheit des unterirdischen, die Knappheit des Lichtes, aber auf der anderen Seite auch die Körperhaftigkeit der Bergleute, ihre Kraft, ihr technisches Gerät, ihre angestrengte Ausdruckhaftigkeit, sind Motive der frühen Radierungen. [...]
Das Blatt "Halden" von 1955 fixiert eine Zwischenposition, denn hier kommen erstmals landschaftliche Bereiche ins Bild, wenn auch die Landschaft der Bergarbeiterwelt. Der Kontrast zwischen den schwarzen Flächen - den Halden - und den feingliederigeren Fördertürmen bestimmt diese Komposition, wobei dem Künstler vielleicht unbewußt sogar eine phantastische, surrealistische Andeutung gelungen ist durch die Räder im Oberbau der FÖrdertürme, die wie Augen wirken, und durch die Halden, die zu Flügeln der Fördertürme und diese damit zu Insekten zu werden scheinen. Danach kehrt Fräger zu einfacheren Darstellungen zurück.
Ein Stipendium der Aldegrever Gesellschaft 1958 verpflichtet ihn, die Arbeitswelt der Bergleute künstlerisch zu untersuchen. Entstanden sind viele, relativ abstrakte Kompositionen, in denen ein Detail in den Mittelpunkt gerückt wird. Doch immer bleibt das Motiv dem Eingeweihten und dem phantasiebegabten Rezipienten verständlich. Wobei natürlich auch gesagt werden muß, das die Komposition ohne inhaltliche Bedeutung schon kraftvoll, reizvoll und gelungen ist.

Text: Jürgen Weichardt, aus dem Katalog
"Wolfgang Fräger - Druckgrafik", 1983



Wolfgang Fräger - Der Bergbau

Unter all den Themen, die sich wie rote Fäden durch das Werk Wolfgang Frägers ziehen, ist das Thema Bergbau fast drei Jahrzehnte lang jenes, an dem sich die bemerkenswerte gestalterische und technische Entwicklung dieses Künstlers am deutlichsten ablesen lässt.
Am Küchentisch der Bergmannsfamilie in Bergkamen entstanden seine ersten Holzschnitte. Holz war das (Abfall-)Material, das ihm mehr oder weniger kostenlos zur Verfügung stand. Ob es zersägte Schulbänke oder alte Bretter(Reste) von der Zeche waren, alles war ihm als Material willkommen. Und als Werkzeug diente ihm ein altes Küchenmesser, ein Werkzeug, von dem er sich ein Leben lang nicht trennen mochte.
[...]
„Er nahm jedes Stück Holz, dessen er habhaft werden konnte, und er arbeitet auf engstem Raum, die Holzplatte beim Schneiden auf den Knien balancierend“, erinnert sich Frau Fräger. Doch Wolfgang Fräger hatte das Glück, das seine Eltern seine früh erkannt Begabung akzeptierten und ihm im Rahmen der mehr als bescheidenen Möglichkeiten [...] unterstützten.
Als Berglehrling auf der Schachtanlage „Grillo“ hatte Wolfgang Fräger den Bergmannsberuf hautnah erfahren, bevor er die Chance zu einem Kunststudium an der Dortmunder Werkkunstschule erhielt. Und auch später – bis zu seinem Tode – lebte und arbeitete er in der Bergbaugemeinde Bönen in steter Konfrontation mit jener Industrie, die ihm in allen wichtigen Schaffensphasen immer wieder Themen und Anregungen lieferte.
Die ersten wichtigen Bergbaublätter Wolfgang Frägers entstanden 1949, als er sein Studium an der Dortmunder Werkkunstschule abschloss. Kraftvolle, expressive Holzschnitte aus diesem Examensjahr lassen noch den Einfluss einer Epoche erkenne, in der die Heroisierung des Arbeitsbildes Teil eines politischen Konzepts war, das die körperliche Arbeit leistungsmotivieren idealisierte. Während Wolfgang Fräger in jener Zeit in seinen Holzschnitten noch unter dem Einfluss des Expressionismus sehr reduziert und symbolhaft arbeitet, sind seine Radierungen differenzierter, erzählerischer angelegt. Im Jahre 1952 entsteht ein Zyklus von Kaltnadelradierungen, die unpathetisch vom Beruf des Bergmanns erzählen. In den kleinen Blättern, in denen rembrandtsche Hell-Dunkel-Effekte viel von der Arbeitsatmosphäre „unter Tage“ vermitteln, dominiert noch der Mensch, der später – bewusst oder unbewusst – mehr und mehr von der Bergbautechnik als Hauptgegenstand des Interesses verdrängt wird.
Der Darstellung der Arbeitswelt in seinen frühen Blättern folgen 1955 weitere Radierungen, in deren Mittelpunkt immer wieder die Gefahren des bergmännischen Berufs und die Angst als täglicher Begleiter der Arbeit und des Lebens der Bergmannsfamilie stehen. Diese Blätter stehen am Anfang eines Abstrahierungsprozesses, der Frägers künstlerische Arbeit bis zu Beginn der siebziger Jahre bestimmt. Die Gesichter der Menschen sind kantig, von Arbeit und Sorge gezeichnet. Im Vordergrund immer wieder menschliche Hände, die beten, arbeiten, schützen, bergen. Die Gestik der Hände der vor dem Zechentor wartenden Bergmannsfrau etwa – eines der eindrucksvollsten Blätter dieses Zyklus- vermittelt eine innere Spannung und Nervosität der bei Schichtwechsel Wartenden. Abstraktion als Mittel der Verdeutlichung.
Ein wichtiges Jahr für Wolfgang Fräger ist 1957/58. Die Aldegrever-Gesellschaft gewährt ihm ein bescheidenes Stipendium mit dem Auftrag, die Technik des Bergbaus zum Thema künstlerischer Auseinandersetzung zu machen. Doch die ersten Monate auf der Pelkumer Zeche „Heinrich Robert“ ermöglichen ihm nur Studien „über Tage“. Das Stipendium wird nach vier Monaten unterbrochen und erst in den Jahren 1959 bis 1961 auf der Marler Schachtanlage „Auguste Victoria“ fortgesetzt. Hier findet er auch die Möglichkeit, sich mit der Bergbautechnik auseinanderzusetzen, die sich in den zwanziger Jahren seit seiner Lehrzeit im Bergbau wesentlich verändert hat. Auch Frägers Einstellung zum Bergbau hat sich verändert. Ihn fasziniert die vielfältige Formensprache der Bergbautechnik und er empfindet diese dunkle Welt hundert Meter unter der Erdoberfläche als fremd und geheimnisvoll. Einzelne Elemente der Bergbautechnik treten in den Vordergrund, werden verfremdet, erinnern an unterirdische Ungeheuer und gewinnen dadurch bisweilen ein dämonisch Bedrohlichkeit. Doch je länger er sich wieder mit dem Thema Bergbau beschäftigt, um so mehr löst sachliche Distanz die anfängliche Betroffenheit ab.
In den meisten farbigen Holzschnitten des Jahres 1959 bereitet sich bereits formal die großartige „Ars Sacra-Serie“ der Jahre 1965/66 vor. Doch das Thema Bergbau scheint in diese Zeit mehr gestaltungsanlass als beherrschendes Thema zu sein. Die Welt des Bergmanns und der Menschen in ihr reduzieren sich auf Chiffren, die mehr formales Element als erzählende Inhalte sind. Der Abstrahierungsprozess schreitet fort in seinen Mezzotinto-Radierungen. Die großformatigen „Werkzeuge“ des Jahres 1967 deuten bereits die Möglichkeiten dieser für Wolfgang Fräger später so wichtigen Radiertechnik an.
Das Thema Bergbau tritt vorübergehend in den Hintergrund. Erst 1971 kommt er wieder darauf zurück. Und es scheint, als ob sich eine Fülle aufgestauter Ideen zu diesem Thema in kürzester Zeit Bahn brechen müsse. Charakteristisch für dieses künstlerisch aufregende Jahr 1971 sind seine Kugelbilder. Wie durch eine Lupe gebündelt erscheint, auf engem Raum konzipiert, eine verwirrende Vielfalt von Stollen, Strecken, Ausbauten, Gleisen, Signalanlagen… Daneben seine kugelförmigen Lichtschächte und Lichtkeile. Farbige Blätter, die wieder einmal das besondere Verhältnis des Bergmanns zum Licht thematisieren. In weitgehend aufgelösten, flächigen Darstellungen geologischer Formationen und Strukturen erprobt der Künstler hier wie in anderen Zyklen diese Jahres die besonderen Möglichkeiten einer Technik, die es ihm erlaubt, auch ohne Ätzvorgänge differenzierte Grauwerte anzulegen. [...]
Seine Versionen einer Schrämaschine oder eines Rungenwagens Anno 71 sind zugleich wieder einmal Visionen von bedrohlichen Fabelwesen, die den Angstträumen eines Bergmanns entsprungen scheinen. Dann wieder Arbeiten, die vom Gegensatz fließender Gebirgsformen und der starren Sperrigkeit des Ausbaus unter Tage leben. Holzstempel, die sich gegen den unheilvollen Druck des alles umschließenden Berges stellen. Bilder von hoher Spannung. In ihnen verdichtet sich das Thema Bergbau zu höchster symbolhafter Gültigkeit.
Zu den vielfältigen Experimenten des Jahres 1971 gehören auch jene Variationsgrafiken, die dem Betrachter innerhalb eines vorgegebenen „Programms“ die Möglichkeit boten, verändernd, quasi mitgestaltend, auf das grafische Bild Einfluss zu nehmen.
Das Bild geriet „in Bewegung“ und schuf damit eine Voraussetzung für die filmische Arbeit Wolfgang Frägers in den siebziger Jahren. Auch wenn die für seine Filme (etwa „Die babylonische Party“) entwickelten Variationsbilder mehr figurativen Charakter hatten, so stand doch zeitweilig die Bergbauthematik im Mittelpunkt von Bildern, in denen sich – von Schiebern und Hebeln horizontal und vertikal bewegt – Bildstrukturen auflösten und wieder zusammenfügten.
Auch die einzigen großformatigen Malereien Wolfgang Frägers stammen aus dem Jahr 1971. Seine in Acryl gemalten „Zeichen aus dem Ruhrgebiet“ (alle 135 x 180 cm) setzen scharfe, agressive Keile gegen weiche Flächen und Rundformen. „Die runde Form und die spitze Form entsprachen seinem innersten Wesen“, charakterisiert Mechtild Fräger ihren verstorbenen Mann, für den das Jahr 1971 die zweifellos intensivste Periode der Auseinandersetzung mit dem Bergbau war.
Dieser Formgegensatz bestimmt auch noch die Arbeiten des Jahres 1973. Themen wie „Sonne im Ruhrgebiet“ oder „Sonne hinter Gerüst“ verweisen dabei einmal mehr auf die zentrale Bedeutung des Themas LICHT im Werke Wolfgang Frägers.[...]

Text: Dieter Treek, aus dem Buch
"Wolfgang Fräger - Das grafische Werk", 1983




Thomas Hengstenberg          Unna, den 09.03.2014


Einführung in die Ausstellung ars sacra mit 30 Blättern aus dem gleichnamigen Holzschnittzyklus von Wolfgang Fräger am 12. März 2014 in der Unnaer Stadtkirche

Meine sehr verehrten Damen und Herren,
verehrte Angehörige der Familie Fräger,

der Bitte, diese Ausstellung zu eröffnen, bin ich gerne nachgekommen, denn Wolfgang Fräger zählt unter den Künstlerinnen und Künstlern, die dieser Lebensraum hervorgebracht hat, zu den Ausnahmepersönlichkeiten.

Er wurde 1923 in Bergkamen geboren und lebte ab 1947 bis zu seinem Tod im Jahr 1983 in Bönen. Wolfgang Fräger war also ein heimischer Künstler, als Sohn eines Bergmanns auf das Engste vertraut mit der alltagsprägenden Welt des Bergbaus, so wie es bis in die 1990er Jahre für viele Städte dieser Region typisch war.

Doch um dies gleich eingangs unmissverständlich klarzustellen, unsere ungeteilte Aufmerksamkeit verdient er nicht etwa, weil der Zufall es wollte, dass er in unserer Nähe gelebt und gewirkt hat, sondern weil er jene künstlerische Größe besaß, die die Voraussetzung ist, um Außergewöhnliches zu schaffen.

Nach zwei Lehrjahren im Bergbau folgte er im Jahr 1940 dem Wissen um sein Talent und immatrikulierte sich an der Werkkunstschule in Dortmund. Seiner Liebe zur Zeichnung, gepaart mit offenkundiger Konsequenz, aber sicher auch der Unterstützung durch seine Eltern, die seine künstlerischen Gaben erkannten und respektierten, ist es zu danken, dass er es wagte, diesen Schritt zu vollziehen, denn ein Wagnis war diese Entscheidung ganz sicher. Das gilt umso mehr für die Zeit, als die wirtschaftlichen Möglichkeiten seines Elternhauses sehr beschränkten waren.

1942 wurde er zum Wehrdienst einberufen und durch Krieg und Gefangenschaft für fünf lange Jahre aus der Normalität gerissen. Nach seiner Heimkehr im Jahr 1947 nahm er sein Studium wieder auf. Ein Stipendium, das ihm vor seiner Einberufung auf Grund seiner außergewöhnlichen, zeichnerischen Gaben zugesprochen wurde, hatte seine Gültigkeit über die Kriegsjahre behalten und erleichterte ihm diesen Schritt.

Doch wie waren die Bedingungen? Nach den welterschütternden Ereignissen der Jahre zwischen 1939 und 1945 hatte sich die Welt verändert. Nichts war mehr, wie zuvor. Das galt auch für die Kunst.

Ein Anknüpfen an Traditionen und Entwicklungen aus der Zeit vor 1933 war den Angehörigen der Generation Wolfgang Frägers nicht möglich. Zum Zeitpunkt der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten war er zehn, bei Ausbruch des Krieges im Jahr 1939 war er sechzehn Jahre alt. Mit neunzehn zu den Waffen gerufen, kehrte er erst zwei Jahre nach dem Kriegsende aus der Gefangenschaft in die Normalität zurück. An der Richtungsdiskussion der Kunst in den zurückliegenden Jahrzehnten war er also gänzlich unbeteiligt.

Seine künstlerische Entwicklung fiel damit in eine Zeit, in der der Expressionismus in Ermangelung einer einheitlichen Kunstentwicklung in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts noch einmal eine späte Phase und eine Renaissance erlebte.

Ganz sicher war es schwer, unter solchen Voraussetzungen die Orientierung zu behalten und zu einem eigenen Weg zu finden, aber möglicherweise es war auch eine Chance, sich nicht mit Traditionen auseinandersetzten und belasten zu müssen. Für Wolfgang Fräger wurde der Expressionismus zur Grundlage seiner künstlerischen Entwicklung, über die er zum Ende der 1950er Jahre zu seiner eigenen, unverwechselbaren Bild- und Formensprache fand.

Am Anfang seines Weges stand die Arbeit mit Stift, Zeichenkohle und Papier. Die Zeichnung war ihm in seinen Lehrjahren, während des Krieges und in der Gefangenschaft Zuflucht und ein wichtiges Medium seiner inneren Zwiesprache. Doch schon bald nach der Wiederaufnahme seines Studiums war ihm die Arbeit mit Zeichenstift und Papier nicht mehr Herausforderung genug. Sie wurde von der Druckgrafik verdrängt, die in ihren unterschiedlichen Techniken immer stärker in den Mittelpunkt seiner Aufmerksamkeit trat. Die Vielfalt der grafischen Techniken und die damit verbundenen Schwierigkeiten ihres Beherrschens wurden ihm ganz offensichtlich in gleichem Maße zur Herausforderung und zur Faszination.

Wohlwissend, dass es auf dem Terrain der Grafik keiner rhetorischen Fingerübung gelingen wird, aus einem unvollkommenen Druck ein Ereignis zu machen, arbeitete Wolfgang Fräger in nahezu allen Techniken. Ob Holzschnitt oder Radierung, Kupferstich oder Lithographie, Siebdruck oder die fast schon in Vergessenheit geratene Schabkunst, immer wieder stieß Wolfgang Fräger bis in die Grenzbereiche der technischen Möglichkeiten vor. Die Sicherheit, mit der er sich seiner Mittel zu bedienen vermochte, gestattete es ihm, sich mit spielerischer Leichtigkeit zwischen den unterschiedlichen Techniken zu bewegen und sie den jeweiligen Themen seiner Werke anzupassen.

Werfen wir noch einmal einen Blick auf die Zeit, in der Wolfgang Fräger aus Krieg und Gefangenschaft zurückkehrte, sein Studium wieder aufnahm, um schließlich als freischaffender Künstler zu arbeiten. Mag es eine Reaktion auf den Missbrauch der Künste durch die Nationalsozialisten gewesen sein, oder war es ein Akt der Befreiung und damit so etwas wie der Versuch eines Schlussstrichs unter ein Kapitel der Geschichte, das noch zu jung war, um schon verarbeitet zu sein, es bleibt eine Tatsache, dass man in de 50er Jahren gut daran tat, sich nicht mit dem Geist der Zeit anzulegen, wenn man als Künstler wahrgenommen und anerkannt werden wollte. Dieser Zeitgeist forderte schließlich geradezu ultimativ dazu auf, sich von Gegenstand und Figuration zu lösen.

Auch wenn die „documenta I“ im Jahr 1955 der figurativen Kunst und der Gegenständlichkeit noch einmal ein Forum geboten hat, bleibt es eine nicht zu bestreitende Tatsache, dass die privaten und öffentlichen Sammlungen sich nahezu geschlossen der Abstraktion und dem Informell zuwandten.

Wolfgang Fräger dürfte dies sehr wohl bewusst gewesen sein, doch ganz offensichtlich war er nicht bereit, sich um der Anerkennung Willen zu verstellen und in eine Bildsprache zu wechseln, die vermutlich niemals die Seine hätte werden können. Nach allem, was ich über ihn zu wissen glaube, wäre es für ihn wohl ein Verstoß gegen das Gebot der künstlerischen Aufrichtigkeit gewesen, sich dem Diktat des Kunsthandels zu unterwerfen.

Obwohl er vor allem bei den Holzschnitten der 60er Jahre in seiner abstrahierenden Darstellungsweise bis kurz vor die Auflösung des Bildthemas gegangen ist, so gab er den erkennbaren Bezug zum Gegenstand doch niemals auf. Verfremdung, Abstraktion und das Bekenntnis zu seiner subjektiven Sicht der Dinge waren für ihn die Voraussetzungen für die Darstellung einer Realität, die für ihn jenseits der Welt des Sichtbaren lag. Die Wirklichkeit war ihm wohl Impulsgeber, niemals jedoch eine Fessel.

Anders als bei vielen hat es bei ihm keine radikalen Richtungswechsel oder Brüche gegeben, sehr wohl aber gab es Entwicklungen, Reife- und Erkenntnisprozesse. Niemals hat er sich schriller Töne oder einer lauten Sprache bedient, auch wenn dies damals wie heute für viele Kunstschaffende zum dem Repertoire der Selbstdarstellung gehören mag, um die Erwartungen der Szene zu bedienen.

Sehr wohl aber konnte er deutlich, wo angebracht, kritisch oder auch voller Betroffenheit und Anteilnahme an dem Schicksal des leidenden Menschen sein. Die frühen, noch vom Krieg geprägten Motive zeigen das sehr deutlich. Und wenn er sich dann sperrig und kantig zeigte, dann war auch das nicht die wohlfeile Erfüllung der Erwartungen, die manche an die Rolle des Künstlers knüpfen mögen, sondern der Ausdruck seiner tiefen Besorgnis.

Besonders deutlich wird das bei den Arbeiten, bei denen er sich mit der Arbeitswelt der Bergleute befasste, oder auch bei seiner Auseinandersetzung mit den umweltzerstörenden Folgen der Wohlstands- und Konsumgesellschaft. Hier erleben wir nicht nur den betroffenen Menschen, sondern auch den Künstler, der mit geschärften Sinnen das Geschehen verfolgt, und der es vermag, Kritik, Humor und Ironie zu einer eindringlichen Mahnung und zu einem Aufruf zur Umkehr zu verschmelzen.

Lassen Sie uns zu den hier gezeigten Arbeiten kommen, doch gestatten Sie mir zuvor eine persönliche Bemerkung. Ich stehe den Künsten nahe, und ich bekenne mich zu meinem Christsein, doch ich bin kein Theologe. Der Versuch einer theologischen Interpretation der hier gezeigten Blätter steht mir also nicht zu.

Stattdessen hat sich der Hausherr die Mühe gemacht, den Bildern jene Bibeltexte zuzuordnen, auf die sich die Darstellungen beziehen. Die Betrachtenden haben also die Möglichkeit, sich eigene Wege des Zugangs und der Deutung zu erschließen.

Ich möchte mich daher auf eher formale Gesichtspunkte beschränken.
Die religiösen Themen mit Bezügen zum Evangelium, zu dem leidenden Menschen und zu seiner Erlösung sind in dem Gesamtwerk Wolfgang Frägers von zentraler Bedeutung. In einer zunehmend säkularisierten Zeit reiht sich der Künstler damit ein in die Jahrhunderte alte Tradition der sakralen Kunst. Dabei mag es ihn gereizt haben, die tradierten Inhalte in neue Formen der Darstellung zu gießen.

Der in dieser Ausstellung gezeigte Ausschnitt von 30 Arbeiten ist Teil des großen Zyklus ars sacra. Mit 90 Holzschnitten zur Passion Christi und zum Johannesevangelium aus den Jahren zwischen 1962 und 1966 zählt er zu den Höhepunkten in dem grafischen Gesamtwerk Wolfgang Frägers.

Anders als bei einem weiteren großen Werk, dem Zyklus zur Passion, verzichtet Wolfgang Fräger bei den hier gezeigten Blättern auf eine unmittelbare gegenständliche Form der Darstellung. Stattdessen wählt er den Weg einer eher symbolischen Erfassung von Szenen und Zitaten aus der Leidensgeschichte und aus der Offenbarung, bei der er die einzelnen Bildelemente zwar stark abstrahiert, aber nicht völlig auflöst. Die Figuren, ihre Gesten und einzelne Elemente ihrer Umgebung bleiben erkennbar.

Durch kantige, verkürzte Gestalten, Winkelbrechungen, eckige Gesten und Gebärden wird das Materielle in das Spirituelle übersetzt. Unter zurückhaltendem Einsatz von Farbe verliert der üblicherweise krasse Schwarz/Weiß-Kontrast des Holzschnitts seine Härte, so dass schließlich eine Farbkonstellation von außergewöhnlicher Delikatesse entsteht.

Und damit komme ich abschließend noch einmal zur Person Wolfgang Frägers. Er war ein experimentierfreudiger, bisweilen geradezu verspielter Künstler. Auch wenn der zweidimensionale Untergrund letztlich immer seine Basis blieb, wenn er hier seinen Empfindungswelten, seinen Gedanken und Gefühlen eine sichtbare Form geben konnte, drängte es ihn dazu, auch die dritte Demension des Raums zu erobern.

Ein eigenständiges bildhauerisches Werk mit Kleinplastiken und großen Arbeiten für den Freiraum, objektkastenartige Konstruktionen, in deren Innerem sich einzelne Elemente bewegen ließen, und sogar gelegentliche Ausflüge in die Welt des Kurzfilms zeigen einen Menschen, der sich ständig auf der Suche nach neuen Ausdrucksformen befand und sich nicht damit zufriedengab, den Pfaden zu folgen, die er selbst ausgetreten hatte.

In seiner Vielfalt sucht das Lebenswerk Wolfgang Frägers seines Gleichen.
Spätexpressonistisch in seinem Ursprung, stark abstrahierend in den 60er Jahren und zunehmend realistisch in den 70er Jahren, hat Wolfgang Fräger Entwicklungsprozesse durchlaufen und sich der jeweiligen Sprache der Zeit bedient, ohne jedoch seine Eigenständigkeit jemals in Frage zu stellen

Fünfunddreißig Jahre - leider nicht mehr - waren ihm gegeben, um ein Werk zu schaffen, das von Schaffenskraft und Energie, von einer scheinbar unbezwingbaren Neugier, aber auch von dem Wissen um die Verantwortung des Einzelnen und von Betroffenheit geprägt war. Dabei war ihm die Rolle des Künstlers als heroischer Vorreiter auf dem Weg zur Rettung einer bedürftigen Menschheit gänzlich fremd. Er schuf seine Werke nicht als Lehrstücke, sondern als Schaustücke, deren Botschaften nicht nur spürbar, sondern auch benennbar waren, und genauso sollten wir sie auch betrachten. Ob Grafik, Zeichnung oder plastische Arbeit, Wolfgang Frägers Werk mag Aufruf gelegentlich auch Warnruf gewesen sein, niemals jedoch war es Agitation.

Um die Bedeutung des soeben noch über die Kunst gesprochenen Wortes zu relativieren, meine verehrten Damen und Herren, möchte ich mich mit einem Zitat Max Beckmanns von Ihnen verabschieden. Er sagte: „Im Grunde ist über Kunst genug geredet, (…). Trotzdem werden wir weiter reden und weiter malen, musizieren, uns langweilen und uns aufregen (…) solange die Kraft der Phantasie und der Imagination ausreicht. Imagination - vielleicht die göttlichste Eigenschaft des Menschen.“ (Kunst des 20. Jahrhunderts, Bd. I. S. 195)

Mit der Hoffnung, Sie weder gelangweilt noch aufgeregt zu haben, verbinde ich den Dank für Ihre Aufmerksamkeit.